Teil VIII: Von 1990 bis heute
Seit 13. August 1990 besuchen über Hundert Kinder den neuen viergruppigen Kindergarten auf dem Busbahnhof .Bei der Übergabe des 2,5 Mio.-Mark-Projekts an den Träger, die katholische Kirchengemeinde, sprach Bürgermeister Wißkirchen von dem „schönsten Kindergarten in der Region". Schon im April 1992 mußten die Räumlichkeiten für eine neue fünfte Gruppe in Betrieb genommen werden.
Um einen seit langem gehegten Wunsch nach einem Altenheim zu verwirklichen, wurde am 21. Januar 1991 der „Kolping-Förderverein St.Werner-Krankenhaus und Altenpflegeheim Oberwesel e.V." (jetzt: Kolping-Förderverein Krankenhaus und Altenzentrum Oberwesel e.V.) gegründet. Im Mai 1992 wurde die von St.Goar nach Oberwesel verlegte Gas-Transportleitung und eine Gasregelstation in der Koblenzer Straße in Betrieb genommen und im September das bisher in Oberwesel aufbereitete Gasgemisch durch das Naturprodukt Erdgas ersetzt. Am 28. Juni 1992 fand der erste autofreie Erlebnistag „Tal-total" entlang des Mittelrheines statt, ein wahres Volksfest für alle Radfahrer, das bis heute alljährlich durchgeführt wird.
Nach dreimonatiger Bauzeit wurde am 5. September 1992 das von Grund auf sanierte Rhinelander-Stadion durch Bürgermeister Wolfgang Schmitt an die Sportler übergeben.
Der Ferienpark Loreley oder Gran-Dorado, eines der umstrittensten Projekte der letzten Jahre, wurde im März 1993 endgültig „ad acta" gelegt. Im Mai 1993 ist die Rechtsverordnung zur „Denkmalzone „Historischer Stadtkern und Schönburg Oberwesel" nach langwierigem Verfahren in Kraft getreten und im September 1993 wurde der „Bauverein historische Stadt Oberwesel" gegründet. Ein neuer Funktionstrakt am Oberweseler Krankenhaus wurde nach mehrjährigen Planungen am 4. November 1993 eingeweiht. Das Haus beherbergt u.a. physikalische Therapie-Räume, eine moderne und leistungsfähig Küche, zwei hohen Ansprüchen genügende OP-Säale, und eine geschmackvolle Cafeteria. Im Januar 1994 wurden die Bauarbeiten für ein Neubaugebiet im Stadtteil Urbar für über eine Mio. Mark vergeben und im Mai konnte ein Erweiterungsbau an der Mädchenschule eingeweiht werden. Die Sanierung der Bahnunterführungen an der Niederbach und am Markttor wurden beendet und auch die neu gestaltete Liebfrauenstraße konnte im Rahmen eines Straßenfestes ihrer Bestimmung übergeben werden.
Nach den Kommunalwahlen fand erstmals entsprechend den neuen gesetzlichen Bestimmungen eine Urwahl des Bürgermeisters von Oberwesel statt, die Manfred Zeuner nach einer Stichwahl für sich entschied. Er wurde am 10. August 1994 in sein Amt eingeführt. Nach über dreijähriger Renovierungszeit und dadurch bedingter Schließung wurde am 24. Dezember 1994 in der Liebfrauenkirche erstmals wieder die hl. Messe gefeiert, ein Freudentag für die Oberweseler. Das Jahr 1995 begann wieder einmal mit einem Hochwasser, das mit 7,80 m Kauber Pegel im Januar seinen Höchststand erreichte. Bei der Veranstaltung „Tal-total" Ende Juni 1995 wurde die Route alternativ erstmals durch die Innenstadt Oberwesels geführt, um insbesondere die Gastronomie etwas mehr an dem Besucherstrom partizipieren zu lassen. Im Dezember hat der Landeskrankenhausausschuß der Umwidmung von 15 Betten der ehemaligen gynäkologischen Abteilung, die im Vorjahr geschlossen worden war, zugunsten einer neuen orthopädischen Fachabteilung eines Wirbelsäulen-Zentrums im Krankenhaus zugestimmt. Der Ausbau der L 220 zwischen Oberwesel und Engehöll begann im März 1996. Am 1. Juni fand das mittlerweile „7. Mittelalterliche Spektaculum" statt, das nach wie vor seine Anziehungskraft hat. Am 9. Juni wurde der Skulpturenpark durch Staatsministerin Dr. Rose Götte eröffnet. Zwei Tage lang stand der Stadtteil Urbar im Juni im Zeichen seiner 750-Jahr-Feier. Beim autofreien Sonntag Tal-total eröffnete in diesem Jahr Ministerpräsident Kurt Beck in Oberwesel das Fest. Im September konnte dann der „Fahrbare Mittagstisch", der täglich älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern eine warme Mahlzeit serviert, auf ein 20-jähriges Bestehen zurückblicken. Zum 1. Oktober 1996 erhielt das bisherige St.Werner-Krankenhaus Oberwesel zusammen mit dem Krankenhaus in St.Goar den neuen Namen „Loreley-Kliniken St.Goar-Oberwesel".
Eine erfreuliche Mitteilung erhielten die Oberweseler noch gegen Ende des Jahres 1996: Die Landesregierung hatte der Förderung des Altenzentrums Oberwesel als Modellprojekt zugestimmt. Zurückblickend ist festzustellen, daß es in den vergangenen Jahrzehnten in Oberwesel zahlreiche Veränderungen auch struktureller Art gab. So existierten in den 50er und 60 Jahren noch eine große Zahl von Einzelhandelsgeschäften (z.B. 11 Bäcker, 5 Metzger, 11 Lebensmittelläden, 5 Textilgeschäfte). Der Einzugsbereich umfaßte nicht nur die umliegenden Ortschaften, sondern auch die rechte Rheinseite, denn bis 1980 verkehrte noch eine Personenfähre. Oder wer denkt noch daran, daß sich der Stadtrat vor kaum 50 Jahren unter einem Haushaltsabschnitt „Vatertierhaltung" noch Gedanken über den stadteigenen Stier oder Ziegenbock machten mußte, daß der Müll noch mit offenem Pferdefuhrwerk abgefahren wurde und auch noch eine Freibank bestand, wo das vom Fleischbeschauer beanstandete, aber wohl noch genießbare Fleisch verbilligt abgegeben wurde. Auch die Berufsschichtung hat sich wesentlich verändert. Den Beruf der Putzmacherin oder des Stellmachers gibt es nicht mehr. Zählte man 1950 beispielsweise noch gut 400 in der Rheinschiffahrt Beschäftigte, so ist deren Zahl heute auf unter 20 abgesunken.
Wenn die Bundesrepublik zur Zeit auch eine Wirtschaftskrise durchmacht und Städte und Gemeinden über finanzielle Engpässe zu klagen haben, so zeigt uns doch ein kleiner Rückblick in die wechselvolle Geschichte Oberwesels, daß es oft weitaus schwerere Zeiten gegeben hat und wir froh sein sollten, als Zeugen der Wiedervereinigung und der Beendigung des Ost-West-Konfliktes heute in Frieden und relativem Wohlstand leben zu können.




