Projektwoche Erben auf gemeinsamer Spurensuche im Welterbegebiet Mittelrheintal


Auch Schulklasse aus der Partnergemeinde Tervete war mit dabei


Die Realschule Oberwesel, gehört seit Mai 2003 dem Kreis der UNESCO- Projektschulen an. Und sie ist die einzige der neun rheinland-pfälzischen UNESCO- Projektschulen, die in einem Welterbegebiet liegt, denn am 20. September 2003 erfolgte die offizielle Anerkennung des Oberen Mittelrheintals als Welterbestätte der UNESCO. So entstand die Idee, das neue Welterbe gemeinsam als Schulzentrum und unter Einbeziehung ausländischer Partnerschulen zu erforschen und somit vielen Jugendlichen näher zu bringen. Die Form der Projektwoche schien dafür das adäquate Mittel zu sein- eine richtige Entscheidung, wie sich zeigte.

Insgesamt nahmen an der Maßnahme ca. 900 deutsche Schülerinnen und Schüler (aus unserem Schulzentrum sowie den rheinland- pfälzischen UNESCO-Projektschulen), je 25 Schülerinnen und Schüler aus Österreich, Luxemburg und Lettland teil. Während des Projektzeitraums gingen also deutsche, österreichische, luxemburgische und lettische Schülerinnen und Schüler gemeinsam in 45 Workshops, die die Themenkreise Literatur, Arbeit, Architektur und Bauwesen, Geschichte, Geologie, Tourismus und Kunst abdeckten, auf Spurensuche. Dabei war es das Ziel des Projekts, das Interesse der jungen Leute für das gemeinsame Erbe zu wecken, ihr Bewusstsein für die Bedeutung seines Erhalts zu schärfen und ihre Bereitschaft zum interkulturellen Dialog zu fördern. Es sollte ein umfassender Informations- und Kulturaustausch stattfinden, der ein besseres Miteinander, Toleranz und die Völkerverständigung unterstützt.

Durch das Kennenlernen von Land und Leuten sowie von Geschichte, Gegenwart und Kultur, durch gemeinsames Handeln und durch das gegenseitige Voneinanderlernen sollte eine feste und längerfristige Partnerschaftsbeziehung auf- und ausgebaut werden. Und dieses Ziel- darin waren sich alle Beteiligten einig- wurde voll und ganz erreicht. Ein großes Thema während der Projektwoche war - wie könnte es anders sein - die Literatur, denn der Rhein bot und bietet Raum für Sagen und Märchen. Verschiedene Gruppen tauchten deshalb in die Welt der Mythen ein, lasen und besprachen die Texte und erzählten sie nach. Außerdem besuchten sie deren Entstehungsorte wie den Mäuseturm in Bingen, die Sieben Jungfrauen, die Loreley oder das Günderode-Haus, ließen sich von der besonderen Atmosphäre, die dort herrscht, inspirieren und näherten sich so unserer ganz besonderen Kultur im Mittelrheintal an. Und dass unsere Sage von der Loreley nach wie vor Raum für unterschiedliche Interpretationen lässt, zeigen die im Ergebnisentstandenen eigenen Texte, die selbst entwickelten Spiele, Zeichnungen und Illustrationen sowie die bei der Endpräsentation dargebotene szenisch-musikalische Umsetzung des Stoffes.
Workshops: Roth, Koch, Graßmann, Schmitz/ Augstein

Am Rhein wurde zu allen Zeiten viel und hart gearbeitet. Doch waren es vor allem die Tätigkeiten der Winzer, Treidler, Schiffer und Fischer, die das Leben und die Arbeit am Mittelrhein prägten und die unsere Phantasien und Vorstellungen heute noch beflügeln. Dass diese Tätigkeiten aber ohne Geschick und kluges Herangehen und unter Berücksichtigung der natürlichen Bedingungen erfolglos geblieben wären, erfuhren die Schülerinnen und Schülerin den verschiedenen Workshops zum Themenkreis Arbeit. Und das natürlich handlungsorientiert.

Großen Anklang fanden die Projekte, die sich dem Weinbau verschrieben hatten. Da wurden Winzer zu konkreten Arbeitsabläufen befragt, in Weinberg fleißig geschafft, Trauben gelesen und (auf dem Schulhof!) gekeltert. Der Federweiße ließ nicht lange auf sich warten. Doch ist die Weinlese selbst nur ein Glied innerhalb des gesamten Tätigkeitsfeldes Weinbau. Wichtig war es auch, die Teilnehmer für die Biotop- und Landschaftspflege besonders in den Weinbaugebieten zu sensibilisieren. In den Workshops, in denen die Schifffahrt im Vordergrund stand, erfuhren die Schülerinnen und Schüler von Lachsen und anderen Rheinfischen, Wahrschauern und Lotsen, von Treidlern und Dampfschiffen. Und wer fragt sich nicht, was die Verkehrszeichen auf dem Rhein bedeuten oder wie die Bojen gesetzt werden? Die Teilnehmer dieser Workshops können da jetzt sicher weiterhelfen. Außerdem wurden die Schülerinnen und Schüler auch selbst aktiv. Sie bautenmaßstabsgetreu Rheinkräne und Flöße nach und träumten dabei von Abenteuern auf dem Strom.

Was bleibt Besuchern und Gästen an Eindrücken vom Mittelrhein? Neben dem Wasser und der Loreley, als Fee und Felsen; sowie den Weinbergen sind es die von den Menschen geschaffenen Baudenkmäler, vor allem die Burgen, Türme, und Kirchen, die unsere Kulturlandschaft prägen und einmalig machen. Besichtigungen der Rheinfels und der Marksburg, des Mäuseturms in Bingen, aber auch der Liebfrauenkirche in Oberwesel standen deshalb in zahlreichen Workshops auf dem Programm. Doch blieb man nicht bei den Geschichten in und über diese Bauten und das Alltagsleben hinter diesen Mauern stehen. Nein, die Schülerinnen und Schüler drangen tiefer in die damalige Lebensweise, die Geheimnisse der Architektur und Arbeitsweise des Mittelalters ein. So wurde z.B. in einem Projekt (in dem sich vor allem die Luxemburger Teilnehmer sehr gut aufgehoben fühlten) der Mäuseturm nachgebaut. Andere setzten sich mit Begriffen wie Gotik, Kreuzrippengewölbe, Spitz- und Lehrbögen, Vierpass im Kreis oder Fischblase, Apsis, Chor und Mittelschiff auseinander. (Könnte da jeder auf Anhieb sagen, was damit gemeint ist?)

Geschicht(e)-trächtig ist es allemal, unser Mittelrheintal! Viele Völker tummelten sich hier, ob nur auf der Durchreise oder länger sesshaft. Eine besondere Faszination üben die Römer auf uns aus, fast immer schwingt auch ein bisschen Ehrfurcht vor ihren Leistungen mit. Wie haben sie gelebt, wie sich gekleidet, was gegessen? Den Antworten auf diese Fragen näherten sich die Schülerinnen und Schüler sehr praxisnah: Sie kochten und buken, nähten und flochten - alles nach römischem Vorbild. Doch waren die Römer nicht die ersten, die in unserer Region siedelten und das Mittelrheintal für sich entdeckten. Kelten lebten schon früher hier und dürfen durchaus als unsere Vorfahren betrachtet werden. Grund genug, ihre Geschichte zu erforschen und keltischen Fundorten nachzuspüren. Doch immer schon waren es auch Personen, die die Geschichte prägten oder anderen Schicksal sich Geschichte erfahren lässt. Deshalb beschäftigten sich Teilnehmer verschiedener Workshops mit historischen Gestalten wie dem hl. Goar, dem guten Werner von Oberwesel oder Hildegard von Bingen. (Übrigens: Wem hat die von den Schülerinnen nach ihren Rezepten hergestellte Salbe geholfen? Bitte melden!) Robuste, wetterfeste Kleidung, Hammer, Landkarte, Lupe und Probenbeutel mitbringen! Viele werden sich wohl gefragt haben, worum es in diesen Workshops geht. Reformation, Mittelalter, Römer, Kelten- Geschichte, die in den Augen der Geologie und der Geologen lächerlich jung erscheinen mag. Sie nahmen die Schülerinnen und Schüler mit auf eine Reise, die viel, viel weiter zurückging, Millionen Jahre weit, in eine Zeit, in der das Rheinische Schiefergebirge; entstand. Gemeinsam suchten sie nach geologischen Spuren der Herausbildung unserer heutigen Kulturlandschaft, sammelten und analysierten Gesteine und fertigten Landschaftsskizzen an. In einem anderen Workshop erforschten die Teilnehmer die Entstehung des Schiefers, eines in unserem Gebiet bis heute bedeutsamen Rohstoffes, erfuhren viel über die Arbeit eines Bergmanns und stiegen in einen Schieferstollen.

Der Tourismus ist im Welterbegebiet ein wichtiger Wirtschaftszweig, mit zunehmender Bedeutung. Viele Gäste suchen hier, entlang der ausgewiesenen Naturpfade oder in unseren idyllischen Städtchen, Erholung und Entspannung. Einige Workshops stellten sich nun die Aufgabe, die Beschaffenheit und die Auszeichnung der Wanderwege zu überprüfen und zu bewerten, indem sie sie selbst abliefen, andere erstellten Karten und Skizzen mit Vorschlägen für neue Wanderwege oder erarbeiteten einen Stadtführer für Oberwesel. Und wieder andere wählten den vertikalen Gang: Sie erkletterten die Höhen und sind vielleicht die Vorreiter für den Extremtourismus. Viele Touristen werden aber auch durch unsere rheinländische Festkultur angelockt. Um ihnen eine Übersicht zu ermöglichen, gestaltete eine Gruppeeinen Kalender der Alltags- und Festkultur am Mittelrhein. Bei allem Feiern: Essen und Trinken dürfen nicht zu kurz kommen! Schülerinnen und Schüler holten Meinungen zu gastronomischen Angeboten rundum die Loreley ein und bewerteten sie auch in Hinblick auf den neuen Status unserer Region als Welterbegebiet. Natürlich hat unsere rheinländische Küche viel zu bieten. Während eine Gruppe auflistete, über welche kulinarischen Ressourcen unsere heimische Landschaft verfügt und diese Voraussetzungen mit denen Österreichs und Lettland verglich, kochten die anderen erlesene Menüs.

Zu allen Zeiten haben Künstler versucht, die Schönheit unseres Mittelrheintals nachzuempfinden. Zahlreiche Gemälde und Grafiken zeugen davon. Und irgendwie haben sie  fast immer den Rhein und die Burgen als Motiv gewählt. Während der Projektwoche versuchten sich unsere Schülerinnen und Schüler als Künstler. Sie malten die Burg Katz in Aquarell oder erstellten mehrfarbige Linolschnitte von verschiedenen Bauwerken des Mittelrheintals, wobei sie besonders auf Licht- und Schatteneffekte setzten. Viele dieser Kunstwerke schmücken heute unsere Mensa. Eine Gruppe frischte außerdem unsere Burgengeschichte; an der unteren Schulhofwandfarblich auf.

Am dritten Projekttag präsentierten alle Gruppen ihre Ergebnisse in unserem Schulzentrum und im Kulturhaus. An dieser Präsentation mit anschließendem Rundgang nahm auch der Präsident der ADD, Dr. Josef Peter Mertes, teil, der die Grüße des Schirmherrn, unseres Ministerpräsidenten Kurt Beck, überbrachte. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch die Orchester aus Speyer, Dierdorf und Herxheim. Aber mit dem Abschluss der Workshops waren die Projekttage noch nicht zu Ende! Schließlich hatten wir die Schülerinnen und Schüler aus Österreich und Lettland für mehrere Tage eingeladen. Von Montag bis Donnerstag waren sie im Jugendgästehaus untergebracht, doch von Anfang wurden sie von ihren Gastschülerinnen und -schülern betreut, der Kontakt hergestellt. Am Donnerstagnachmittag nahmen alle an einer Führung durch die Burg Rheinfelsteil und anschließend erfolgte der Umzug in die jeweiligen Gastfamilien. Am Freitag fuhren alle gemeinsam nach Mainz, erkundeten die Stadt, besuchten den Mainzer Landtag und besichtigten den Dom und das Gutenberg- Museum. Während die Österreicher am Samstag abreisten, durften die Letten noch einen Tag in ihren Gastfamilien verbringen. Doch am Sonntag war für sie ebenfalls der Tag der Abreise gekommen- wir hoffen, mit vielen, vielen Eindrücken im Gepäck. Die Projekttage waren der Höhepunkt im Schuljahr 2004/ 2005. Sie waren eine logistische Herausforderung für die Initiatoren und Organisatoren, besonders für Frau Lautensack und Herrn Stoffel, aber ohne das Engagement aller Beteiligten, der Lehrerinnen und Lehrer, der auswärtigen Kräfte und der Schülerinnen und Schüler so nicht zu realisieren gewesen.

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Bürgermeister Thomas Bungert bei der Begrüßung der Schulklasse aus der lettischen Partnergemeinde in der Großsporthalle am Schulzentrum Oberwesel

 
 
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